Einfach heiraten, geht das?

Ein Selbsterfahrungsbericht aus der evangelischen Kirche Hellenthal - Von Kirchenkreis-Autor Stephan Everling

Einfach heiraten, geht das? Kurz entschlossen den Weg zum Altar antreten und sich das Jawort geben? Klingt aufregend, doch für Maf und mich war der spontane Entschluss zur Hochzeit keine neue Erfahrung, auch wenn es noch keine kirchliche Trauung gab. 30 Jahre waren es in diesem Mai her, dass wir im Standesamt in Wachtberg-Berkum geheiratet haben. Dass wir jetzt uns nach all dieser Zeit noch den kirchlichen und hoffentlich auch göttlichen Segen geholt haben, daran ist vor allem Caren Braun schuld. 

„Wären Sie bereit, über die Aktion “Einfach heiraten”, die am 26. Juni in Hellenthal stattfindet, für uns zu berichten?“, hatte die Öffentlichkeitsreferentin des Evangelischen Kirchenkreises Aachen gefragt. Natürlich, warum denn nicht, ist doch ein schönes Thema, hatte ich gedacht und mir den Termin notiert. Dass es mehr werden könnte, kam mir da noch nicht in den Sinn. Obwohl einfach zu heiraten wie schon angedeutet bei uns Programm war. 

Denn auch vor 30 Jahren haben wir schon mal „einfach geheiratet“. Natürlich unter ganz anderen Umständen und mit mehr Vorlauf, schließlich war eine deutsche Behörde involviert. Doch damals waren andere Zeiten, vor allem für uns. Denn für die Menschen, mit denen wir uns privat und beruflich verbunden fühlten, war eine Hochzeit kein Thema.

Geänderte Zeiten

 „Wir starten im Januar eine schwul-lesbische Karnevalssitzung, und Ihr macht das Bühnenbild“, hatte Hella von Sinnen bestimmt, die Maf Räderscheidt und ich eines Abends im November 1994 zufällig im „George Sand“ in Köln getroffen hatten. Gesagt, getan, Hella wollte sowieso keiner widersprechen, und so wurden wir unversehens zu den Mitbegründern der „Rosa Sitzung“. Maf, Malerin, Graphikerin und Performerin, die jahrelang offen lesbisch gelebt hatte, war mit im „Sixpack“, der rosa Version eines Elferrates. Samy Orfgen und ich performten als Quotenheteros auf der Bühne im Kölner Gloria. Oder ich kümmerte mich als Stage Manager um einen reibungslosen Ablauf. Dazu schrieb ich die Mottolieder: „Ring Ring Ring“, „Föhlens d’r Karneval“ und viele andere, was mich zu so etwas wie der Marie-Luise Nikuta des schwul-lesbischen Karnevals machte. 

Dass Maf und ich uns verliebten und zu einem Paar wurden, konnten wir noch mühsam verbergen im schwulen und lesbischen Umfeld, doch als Maf schwanger wurde, stand bei der Derniere der Rosa Sitzung 1996 das Outing an. Doch unsere Freunde und Kollegen reagierten wunderbar und übernahmen spontan die Patenschaft für unsere Tochter, deren Name genauso aus dem Bauch heraus von Samy Orfgen geprägt wurde: „Dieses Kind muss Rosa heißen.“

Standesamtliche Hochzeit am Aktionstag gegen Homophobie

Alles wunderbar, könnte man denken, doch ein Problem wurde uns offenbar, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Im August 1996 war die Rechtslage noch so, dass ich als Vater kein Sorgerecht für meine Tochter bekommen hätte, wenn Maf bei der Geburt etwas passiert wäre. Wenige Wochen nach dem Geburtstermin wurde das geändert, doch bis dahin drohte, dass die Eltern von Maf im Fall eines Falles das Sorgerecht für Rosa erhalten hätten, was nicht in unserem Sinne war. Wir überlegten hin und her, bis mir eines Abends beim Zähneputzen die Erleuchtung kam: „Warum heiraten wir dann nicht einfach?“

Kein Fußballstadion, kein Stehgeiger, kein Verlobungsring, nur eine Zahnbürste - der vielleicht profanste Heiratsantrag überhaupt, doch Maf sagte tatsächlich ja. Aus Respekt vor unseren Freunden, die nicht heiraten durften und auch etwas Feigheit vor gemeinen Reaktionen, schlossen wir die Ehe im kleinen Kreis im kleinen Rathaus vor der Standesbeamtin. Als Datum wählten wir jedoch bewusst den 17. Mai, den alljährlichen Aktionstag gegen Homophobie. Kirchlich zu heiraten war unter diesen Umständen für uns undenkbar. 

Ja-Wort nach schweren Zeiten

Und nun, 30 Jahre später? Nach endlosen Serien von Niederlagen und enttäuschten Hoffnungen? Und vor allem den letzten fünf Jahren mit der Flutkatastrophe 2021, die das Lebenswerk von Maf zerstörte und der Sepsis drei Jahre später, die sie fast das Leben kostete? Als ich über diese Aktion und die mögliche Berichterstattung nachdachte, dachte ich nur eins: Ja, gerade jetzt! Denn in all den schweren Zeiten, die wir hatten, gab es eines, auf das wir uns verlassen konnte: Unsere Liebe und Zusammengehörigkeit. All diese Widrigkeiten hatten unsere Beziehung nur noch stärker gemacht. Und so sagte Maf auch diesmal sofort Ja, als ich sie fragte, ob sie sich vorstellen könnte, mich auch kirchlich zu heiraten. Wieder ohne Fußballstadion, Stehgeiger, Verlobungsring und nicht einmal mit Zahnbürste. 

„Auf dieser Beziehung lag ein Segen“, sagte Pfarrer Thorsten Schmitt aus der mitbeteiligten Nachbargemeinde Roggendorf dazu in dem Traugespräch. Das war genauso einfach, spontan und unkompliziert gehalten wie eigentlich alles an diesem Tag. Ungefähr eine Stunde Zeit sollten wir uns nehmen, erfuhren wir am Vortag. Eine Viertelstunde für das Traugespräch, eine Viertelstunde Zeit für den Pfarrer, alles zu einer Rede zu verarbeiten, eine Viertelstunde Gottesdienst und der Rest zum Anstoßen, Freuen und Fotos machen. Am Gemeindehaus erwarteten uns in der Gluthitze der vergangenen Wochen Pfarrer Christoph Ude und einige Helfer, die uns herzlich begrüßten. In der evangelischen Kirche in Hellenthal selbst war es leer, da der Zeitslot vor uns nicht belegt war. Doch nachdem wir unsere Ringe ausgetauscht hatten, ging es Schlag auf Schlag: Kaum war es möglich, die Hochzeitsgesellschaften auseinanderzuhalten, die mit den Pfarrern Susanne Salentin und Oliver Joswig entweder zum Gespräch im Gemeindehaus verschwanden oder in die Kirche gingen. 

Unsere Hochzeitsgesellschaft war klein, nur wir und unsere Tochter. Auf Trauzeugen hatten wir bewusst verzichtet, und so war die Riege der Fotografen größer als der kleine Kreis unserer Familie, weil die Tochter sich auch mit Kameras bewaffnet hatte, Pfarrer Ude Aufnahmen machte und Kollege Thorsten Wirtz aus der Redaktion in Gemünd gekommen war, um für unsere Zeitung Fotos zu machen. 

Bestätigung und Wiederaufleben

Doch für uns war es einer der schönsten Tage überhaupt, vielleicht gerade, weil wir ihn so für uns hatten. Hoffentlich ein Schlussstrich unter das Grauen der letzten Jahre, auch wenn deren Nachwirkungen noch lange nicht ausgestanden sind, aber dafür ein Siegel und Bestätigung für unsere Liebe, die sich in all diesen Jahren bewährt hat und uns die Kraft gegeben hat, jeder Enttäuschung und Niederlage auch noch etwas Gutes abzugewinnen und immer wieder neu anzufangen. So war es auch jetzt wie ein Wiederaufleben, als wir uns die Ringe ansteckten, die so lange sicher in der Schublade verwahrt waren, damit in Krankenhaus und Alltag nichts an sie herankommt. 

Partystimmung herrschte, als wir nach dem Traugottesdienst wieder vor dem Gemeindehaus ankamen. Sekt wurde spendiert, Fotos gemacht, viel gelacht und erzählt, neue Paare kamen, die nächsten zogen los zu ihrer Trauung, in Las Vegas könnte es nicht schöner sein, riefen wir fröhlich. Kaum konnten wir uns von dem vergnügten Miteinander losreißen. 

Nach 30 Jahren sich noch einmal das Jawort zu geben, ist das Überflüssigste überhaupt, dann ist doch alles klar, könnte man ketzerisch einwerfen. Ganz falsch. Liebe ist nie klar, Liebe ist frisch und schön an jedem Tag, wenn es sie gibt. Und dann muss sie gefeiert werden, besonders, wenn in schweren Zeiten die Lebensfreude leidet. 

Text: Stephan Everling

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